Die kleine Perle: Valiant Hearts – The Great War –

Oder auch: „Soldats inconnus : Mémoires de la Grande Guerre„…hier der offizielle Trailer von 2014, den ich Euch vorweg ans Herz lege:

Die kleine Perle, um die es heute geht, versucht dem Spieler die Schrecken des Ersten Weltkrieges (1914-1918) näherzubringen. Ich habe das Spiel von Ubisoft Montpellier (2014) schon in anderen Artikeln erwähnt, wenn es um den Ersten Weltkrieg oder um schönes Storytelling ging. Warum dieser Krieg ein solches Nieschendasein bis dato führt, kann ich mir nur folgendermaßen vereinfacht(!) erklären: Durch die teils komplizierten Bündnissysteme, die sich änderten oder verschoben und das Fehlen eines klaren Feindbildes, ist es selbst heute noch schwer ein Spiel zu konzipieren, dass jeder Partei politisch und moralisch gerecht wird.

Im Gegensatz hierzu ist es für die Spieledesigner im Zweiten Weltkrieg viel einfacher: der teuflische Hitler und die Nazis gegen den Rest der Welt, die Westmächte. Wie in manchen James Bond Filmen aus Zeiten des Kalten Krieges, in welchen sowjetische Filmbösewichte auf der Leinwand ihr Unwesen möglichst mit Atomwaffen trieben. Das klassische „Gut gegen Böse“-Konzept. Kommen wir zurück auf Valiant Hearts. Ich vermeide Spoiler möglichst, und wenn es nicht anders geht, dann markiere ich sie.

Mein erster Eindruck war: kann das funktionieren? Ein Adventure-Puzzle-Spiel mit süßen Comiccharakteren im Ersten Weltkrieg? Ob das gut geht? Letztlich siegte (wie so oft bei mir) die Neugier. Die Game-Engine ist die bereits aus „Rayman Origins“ und „Child of Light“ bekannte UbiArt Framework, erstmals 2010 eingesetzt.

Die Charaktere:

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Coypright: Ubisoft Montpellier

Inspiriert von Briefen real existierender Soldaten von der Front, hat sich jemand bei Ubisoft tief in die Materie eingearbeitet, um uns authentische Charaktere zu bieten, auch wenn diese natürlich nie real existiert haben. Dies merkt man zum Beispiel daran, dass ihre vier Geschichten zu gut ineinandergreifen. Natürlich ist dies nicht schlecht und nimmt den Spieler sehr schnell emotional ein. Erzählt wird die Geschichte von gleich vier Charakteren. Wir haben Karl, einen jungen Deutschen der in den Krieg geschickt wird. Mit Marie, einer Französin, hat er ein gemeinsames Kind. Und wir haben Emile, einen französischen etwas älteren Bauern. Er ist Karls Schwiegervater und wird ebenfalls auf Seite der Franzosen eingezogen. Emile lernt am Bahnhof auf dem Weg zur Front den Amerikaner Freddie kennen, der zur Zeit als die Bomben fielen, mit seiner Frau auf Hochzeitsreise in Paris war. Tragischer Weise starb sie ebendort, weshalb er auf Rache sinnt. Im Verlauf der Story lernt man auch Ana, eine Sanitäterin aus Belgien kennen, die zwischen Herkunft und Uniform der Verwundeten keinen Unterschied macht. Begleitet werden alle Protagonisten abwechselnd von Walt, einem Rettungshund, der sich wirklich als bester Freund des Menschen entpuppt (und das nicht nur, weil er bei Rätseln hilft). Man begleitet alle Charaktere bis zum Ende des Krieges und ihre Wege kreuzen sich, im guten wie im schlechten Sinne.

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Copyright: Ubisoft Montpellier

Das Besondere:

Zunächst besticht das Spiel dadurch, dass alle Personen ins „kalte Wasser“ geworfen werden, und das Spiel der Charakterzeichnung einen höheren Wert einräumt, als das Beenden einer Mission. Ich bin mir nicht mal ganz sicher, ob einer der Protagonisten im Spiel den Tod eines NPC/Nichtspielercharakters verursacht. Zudem kommt das Spiel komplett ohne echte Dialoge aus. Es gibt einen Geschichtenerzähler, der den Spieler an die Hand nimmt, doch Dialoge werden durch kleine Bildchen in Sprechblasen ausgetauscht. Ab und zu erhascht man einen französischen, deutschen oder englischen Wortfetzen, denn die Sprache der Spielfiguren kommt eher einem ungenauen Murmeln gleich. Intuition der Designer war wohl, dadurch die Grenzen zwischen den Nationalitäten zu verwischen. Findet man Sammelgegenstände (z.B. eine Pickelhaube), bekommt man  Zahlen, Daten und Fakten des Krieges zu hören und zu lesen. Dies ist eine tolle Lösung, wie ich finde. So wird der nicht ganz so geschichtsbegeisterte Spieler nicht mit Zahlen und Fakten dauerdrangsaliert und kann sich dem Adventure an-und-für-sich widmen. Diejenigen, die es doch interessiert, machen sich auf die Suche nach eben solchen Objekten in der Spielwelt, um mehr zu erfahren. Schade ist nur, dass sie manchmal wirklich gut versteckt sind (ich habe es ein zweites Mal durchgespielt, nur um alle Sammelobjekte zu finden)!

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Copyright: Ubisoft Montpellier (Screenshot selbsterstellt)

Die Spielmechanik selber ist sehr schlicht: man bewegt seinen Charakter mit den Pfeiltasten, benutzt die Maus zum Zielen, wenn man z.B. eine Granate wirft. Gegenstände werden von hier nach dort getragen, Hindernisse aus dem Weg geräumt, Wachen mit geworfenen Flaschen abgelenkt oder man buddelt sich mit Emile durch das Erdreich der Schützengräben. Wie es sich für ein Puzzle-Adventure gehört, gibt es einfache, wie auch teils schwere Schieberätsel oder Drehrätsel, bei denen einem immer wieder der Hund Walt zur Seite steht und mithilft. Wie zum Beispiel beim bekannten Giftgasmaschinenrätsel (selbstverständlich gab es so eine Konstruktion nicht). Die chemische Kriegsführung spielt dennoch im Spiel vor allen später in Ypern eine große Rolle…hier möchte ich gerne auch einen Kritikpunkt einbringen….(mögliche Spoiler vorraus).

Giftgas und Ypern im Spiel

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Die Giftgasmaschine. Copyright: Ubisoft Montpellier
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Die Stadt Ypern im Spiel nach einem Giftgasangriff. Copyright: Ubisoft Montpellier

Am 22. April 1915 wurde Chlorgas nach dem Haber`schen Blasverfahren erstmals eingesetzt. Allerdings nicht, wie im Spiel dargestellt, gegen die zivile Bevölkerung Yperns (heute Flandern, Belgien) und Umgebung, nein speziell außerhalb der Stadt wurde auf die richtige Windrichtung gewartet, denn dort verbarrikadierten sich die Fraktionen in ihren Gräben. Bereits 7 mal wurde der Einsatz abgebrochen, aus technischen Gründen, aber auch um die Bevölkerung zu schützen. Das Ziel: die Gaswolke in die Stellungen der Alliierten wehen zu lassen. An diesem Tag wurden 150 Tonnen eingesetzt und die Front der Alliierten kilometerlang aufgerissen. Da viele deutsche Militärs nicht an den überraschend großen „Erfolg“ geglaubt hatten, konnten sie mangels Nachschuborder an Truppen jedoch wenig Vorteil daraus ziehen. An diesem Tag erleiden ca. 1.400 Soldaten den Tod durch den Einsatz von Giftgas. Der Einsatz, der gegen das Völkerrecht verstieß, wurde nach dem Ersten Weltkrieg kaum thematisiert, da im Laufe des Krieges nicht nur die Deutschen Gas einsetzten. Der Historiker Franky Boswyn (Universität Antwerpen) kommt zu dem Schluss:“Wenn die Deutschen nicht mit dem Gas angefangen hätten, wären es die Franzosen gewesen.“ Darin seien sich die Experten einig. „Am Ende haben die Deutschen und die Alliierten etwa gleich viel Gas eingesetzt. Jeder war schuldig.“ Dass die Spielemacher natürlich Franzosen sind, hat sicher Einfluss auf die etwas verquere Darstellung im Spiel. Nicht zuletzt ist der Name „Yperit“ heute in Frankfreich ein Synonym für „Giftgas“.

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Einsatz von Chlorgas im 1. Weltkrieg. Copyright: gemeinfrei

Zurück zum Spiel:

Natürlich gibt es auch Schleicheinlagen, die teilweise recht tricky sind und oft mit dem sofortigen Tod oder der Verhaftung des Charakters enden, wenn er von feindlichen Soldaten erwischt wird.

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Karl versteckt sich Nachts vor feindlichen Patrouilllen. Copyright: Ubisoft Montpellier.

Geschicklichkeitsspiele fehlen jedoch keineswegs…so muss man auf dem Schlachtfeld vor hinabfallenden Bomben im Zick-Zack-Kurs fliehen oder mit einem roten Oldtimer samt Ana, Freddie und Walt vor den Deutschen aus Paris fliehen (herrlich witzige Szene!). Wer sich vielleicht auch lange gefragt hat, welche Lieder während der Szene gespielt werden: Johannes Brahms: Ungarischer Tanz no. 5 und Jacques Offenbachs Französischer Can Can.

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Walt, Ana, Emile und Freddie auf der Flucht aus Paris. Copyright: Ubisoft Montpellier.

Was die Panzer in diesem Spiel betrifft, tragen diese viel zum Gruselfaktor bei. Läuft man mit Emile oder Freddie über das Schlachtfeld, muss man sich manchmal doch vor den großen Ungetümen in Acht nehmen. Obwohl die ersten Panzer erst seit 1916 im Einsatz waren, sind diese im Spiel aber schon von Anfang an anzutreffen. Bin ich kleinlich? Ich hoffe nicht, es ist mir nur aufgefallen und hat meinen Spielspaß nicht getrübt.

Etwas negatives im Spiel gibt es dennoch, zumindest wenn man auf PC spielt: hektische Reanimierungsmaßnahmen seitens Ana in Quicktime-Rythmusspielen haben gegen Ende der Story für etwas Frust gesorgt. Das war es aber auch schon.

Fazit mit Taschentuchfaktor:

Gut recherchiert und sehr emotional, so manches mal kam mir der englische Satz „Faith in Humanity restored“ (Glaube an die Menschheit wiederhergestellt) in den Sinn, als ich an die Spielemacher dachte. Obwohl mich die spielerische Bezugnahme auf Ypern als Historiker (im Nachhinein) etwas gestört hat, (da sie ein falsches Bild vermittelt) merkt man, dass in dem Spiel viel historische Detailliebe steckt.

Der Moment, indem die Credits beginnen, gehört ganz sicher zu einem der großen Momente der Spielgeschichte. Als die Credits begannen kam ich nicht umhin mit einer Packung Taschentücher vor dem Bildschirm zu sitzen und mir anschließend stundenlang den wunderschönen Soundtrack anzuhören. Schaut man sich Let`s Plays auf Youtube an, bin ich froh, dass ich da wohl nicht die Einzige war. Viele schalten sogar ihr Mikrofon und die Facecam aus (falls sie eine haben), da sie weinen müssen. Wenn ein Spiel so einen Schwall an Gefühlen im Spieler hervorbringt, hat es meiner Meinung nach sein Ziel mehr als erreicht: nämlich zu Unterhalten und den Spieler dazu zu bringen, das Gespielte zu reflektieren. Selbst Menschen, die sich bis jetzt Videospielen verschlossen haben, lege ich diese kleine Perle wärmstens ans Herz, ihr werdet es nicht bereuen, lediglich ein paar Taschentücher einbüßen.

Chapeau, Ubisoft.

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Copyright: Ubisoft Montpellier

Erschienen: 24. Juli 2014, Entwickler: Ubisoft Montpellier (Simon Chocquet-Bottani, Yoan Fanise). Systeme: PC Microsoft Windows, MAC iOS, PlayStation 3 & 4, Xbox 360 & Xbox One, Android. Sprache: Multilingual.


Mehr zum Thema Giftgas und Erster Weltkrieg:

 

 

 

Autor: Iris Traumann

Historikerin M.A., Gamer (seit den 90ern) und Bloggerin.

4 Kommentare zu „Die kleine Perle: Valiant Hearts – The Great War –“

  1. Schöner Beitrag, … la musique de „Valiant Hearts“ est trés bien, aussi!…Merci.
    Je cite Saint-Exupéry en allemand pour vous: „Wenn ich Krieg führe, um Frieden zu erlangen, so schaffe ich Krieg. Der Friede ist nicht ein Zustand, der sich mit Hilfe des Krieges erreichen ließe.“ Salutations.

    Gefällt 1 Person

  2. Eigentlich kam ich wegen des neuen Beitrags zu Battlefield 1 her, jedoch sah ich dann diesen Artikel und wollte ihn sofort lesen, da „Valiant Hearts“ einen besonderen Platz in meiner Spielesammlung einnimmt.
    Selten hat mich ein Spiel so gerührt und gleichzeitig zum Lachen gebracht. Man entwickelt schnell eine Bindung zu all den Charakteren, und fühlt mit, wenn es eine schicksalhafte Wendung gibt. Mit viel Humor und noch mehr Gefühl wird der Erste Weltkrieg in all seiner (grausamen) Gesamtheit gezeigt. Besonders, dass es hier keine Gewinner gibt, nur Witwen.
    Nicht zuletzt hat mich das Ende des Spiels zum Weinen gebracht.

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