Assassin’s Creed (The Movie) Templer in Granada – Inquisition und Reconquista (Teil 1)

(Dieser Blog-Artikel besteht aufgrund der Länge aus Zwei Teilen, Teil Zwei erscheint am 4.März und wird hier direkt verlinkt!)

Es gibt unzählige Rezensionen des Assassin’s Creed Films, der letzten Dezember (27.12.2016) in die deutschen Kinos kam. Hierbei handelt es sich um eine Videospielverfilmung des „Assassins‘ Creed“ Franchises von Ubisoft vom, mir bis dato völlig unbekannten, Regisseur Justin Kurzel, dessen Bruder auch den Filmscore kreierte.

Trailer:

Vielleicht gerade WEIL ich bis auf „Black Flag“ und ein paar kleinere Ableger der Assassin’s Creed-Reihe, wie zum Beispiel „Rogue“, eigentlich alle Teile gespielt habe, hat mir der Film, den Kritiken zum Trotz, dennoch sehr gefallen.

Wie so oft bei Videospielverfilmungen kann man es nicht jedem Recht machen und Zuschauer, die z.B. die Spiele nicht gespielt haben oder gar nicht kennen, werden es schwer haben der Geschichte um den Eden Apfel zu folgen oder überhaupt einen Sinn darin zu finden, was die Templer eigentlich gegen die Assassinen haben und so weiter und sofort…

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Nachdem ich die ersten Rezensionen im Netz gelesen hatte, stand ich sogar kurz davor nicht ins Kino zu gehen, doch ich tat es zwei Mal. „Zwei Mal?“ werden sich jetzt einige Leser nun fragen.

Das erste Mal: einfach für das Popcorn-Feeling und um mich von den tollen Kampf-Choreografien mitreißen zu lassen.Das zweite Mal mit kritischerem Blick. Schon beim ersten Sehen fielen mir einige Sachen negativ auf und zu klischeehaft schnell wurde manches abgehandelt (Templerorden im modernen London), zu wenig Story in den historischen Erinnerungssequenzen. Für mich war es schwer, für den Protagonisten Callum Lynch Sympathie zu empfinden, ist er doch ein verurteilter Mörder und nicht gerade der freundlichste Zeitgenosse.

Der neu entworfene Animus (ich nenne es nun den „VR-Animus“), bei dem ich mich immer gefragt habe: müsste der Protagonist Michael Fassbender, alias Callum, nicht irgendwann gegen eine Wand laufen? Ist eine tolle Idee, lässt aber natürlich Fans der Spiele naserümpfend zurück. Lag man in den Spielen noch bequem auf einem Stuhl, und erlebte die Erinnerungen „im Kopf“, so muss der Protagonist Callum nun plötzlich an einem Maschinenarm akrobatische Kunststücke auch körperlich selbst vollführen. Sieht zumindest sehr beeindruckend aus, auch was CGI-Effekte beim Übertritt in die Erinnerungssequenzen angeht.

Nichtsdestotrotz, die Atmosphäre, die Besetzung mit Jeremy Irons und Michael Fassbender, die Musik (wenn mir auch die Original Main Theme von Assassin’s Creed sehr gefehlt hat) und das Setting haben mir sehr zugesagt. Doch…warum schreibe ich hier eigentlich über diesen Film? Dem Leser wird aufgefallen sein, dass ich eigentlich nur über Geschichte in Videospielen schreibe, ich erlaube mir einfach mal das Genre „Videospielverfilmungen“ (da es sich beim Thema Assassin’s Creed geradezu anbietet), zu meinem Blog-Repertoire für diesen Artikel dazuzuzählen.

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Bei nahezu ALLEN Rezensionen in einschlägigen Zeitschriften und Blogs vermisse ich jedoch etwas: keinem fallen die meist ulkigen und teilweise fast schon grotesken historischen Fehler im Film auf. Gut, nicht jeder kennt sich mit der spanischen Geschichte aus und in Spanien selbst wurde der Film deswegen geradezu öffentlich zerrissen, da es sich bei Vielem im Film gezeigten schlicht weg um historisches Allgemeinwissen handelt. Wieso ich davon ausgehe und das weiß? Vor allem mein spanischer Bekannter hat regelmäßig die Augen verdreht, dabei liebt er die Assassins’s Creed Reihe genauso wie ich. Ich habe zwar Geschichte studiert, doch wirklich in die Bücher zur Reconquista-Thematik habe ich mich erst jetzt eingegraben – und viel dabei noch lernen können.

Wir schreiben das Jahr 1492. Der Film baut vor allem auf den schwarzen Legenden, die sich um die spanische Inquisition ranken, auf. Legenden? Nun, vieles was wir aus dem Kino und Fernsehen wissen, ist schlichtweg falsch und übertrieben. Die meisten modernen Darstellungen basieren auf  Legenden, die wohl von Frankreich, Dänemark und England in die Welt hinausgetragen wurden, um die Vormachtstellung Spaniens in Frage zu stellen.

Denkt man an die spanische Inquisition, denkt man zunächst an Massenverbrennungen von Nicht-Christen, Vertreibung von Juden, Muslimen und Millionen Toten. Dass die Wahrheit jedoch eine ganz andere ist, lässt sich an folgenden Zahlen sehen: nur in 1% der Fälle wurden die Verurteilten auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Juden und Muslime wurden entweder zwangskonvertiert oder mussten ins Exil. Die Prozesse richteten sich gegen die sogenannten „Conversos“, also Juden und Muslime, die zum christlichen Glauben gewechselt waren, jedoch unter Verdacht standen weiterhin im Geheimen ihren Glauben zu praktizieren. Mit einer Hexenverbrennung und ähnlichem hat die spanische Inquisition also kaum etwas zu tun.

Den Film betreffend, und ein Punkt, der mir schon im Kino auffiel, wäre da die Verwendung der heutigen spanischen Flagge, die zwischen den christlichen Truppen Anfangs in der ersten Erinnerungssequenz auftaucht. 1492 gab es die spanische Nationalflagge noch gar nicht, vielmehr ein Banner der spanischen Könige (siehe hier links, allerdings schon nach 1492 mit der Alhambra-Festung). Die Flagge, wie wir sie heute kennen, wurde erst von Karl III. im Jahre 1785 eingeführt, um Schiffe auf See aus der Ferne besser auseinanderhalten zu können. Natürlich hat die Flagge seitdem auch einige kleinere Änderungen durchgemacht, doch Rot-Gelb-Rot blieb sie seitdem immer ob zur Zeit der Diktatur Francos oder der heutigen parlamentarischen Erbmonarchie.

Auch das Autodafé wird im Film dargestellt wie in einem römischen Zirkus und Massenspektakel, das die katholischen Könige besuchen, um Muslime und ihre Verbündeten, die Assassinen, zu verbrennen. Ein Autodafé „ist die öffentliche Verkündung des Urteils eines Inquisitionsgerichts und feierliche Durchführung dieses Urteils“ (Zitat aus dem Duden).

Die Mauren, und somit auch die  meisten Muslime, wurden bis ins 16. Jahrhundert nicht verfolgt. Zu der Zeit, in der der Film spielt, waren die Juden das eigentliche Ziel der spanisch katholischen Inquisition und der Könige. Chronologisch entspricht dies nicht der historischen Realität.

Aguilar, der Protagonist, versucht Granada vor den christlichen/katholischen Streitmächten zu bewahren, die im Film als barbarische Besetzer unter Einfluss der Templer agieren. Der Film gibt für die Handlung der gesamten historischen Story das „Wunderjahr“ 1492 an. Wunderjahr? Nun: Am 2. Januar 1492 war Spanien (und damit auch Granada) wieder in katholischer Hand, nach der erfolgreichen sogenannten Reconquista („Wiedereroberung“ Spaniens durch die katholischen Könige). Der Film müsste also komplett am 1. Januar gespielt haben, oder im Jahr 1491.

Spanien stand seit circa 711 n.Chr. unter muslimischer Herrschaft, nachdem die Westgoten vertrieben worden waren. Daher wurden große Teile des Films auch in Sevilla, Granada und auch auf Malta gedreht. Witziger weise wird die maurische Architektur aller Städte durch Computeranimation ergänzt. Das sieht cool aus, wer allerdings die Alhambra besucht hat, wird sich ein Schmunzeln nicht verkneifen können.

Zudem sind nur muslimische Soldaten zu sehen, dies verwundert, da die spanischen Könige und der Emir „Boabdil“ von Granada Handelsbeziehungen miteinander unterhielten und keineswegs absolute Todfeinde waren. Außerdem waren die Maurenherrscher schon Jahrzehnte vor 1492 den spanischen Königen Tribut pflichtig. Al Andalus, Abu Abdallah, Muhammad XII. (von den Spaniern auch Boabdil genannt) kapitulierte bereits am 2. Januar 1492 gegenüber Philipp II. von Aragon und Isabela I. von Kastilien.

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Muhammad/Boabdil begegnet Isabella I. von Kastilien und Ferdinand II. von Aragón, Historienbild von Francisco Pradilla y Ortiz (1882)

Boabdil war den spanischen Königen sogar seine Krone schuldig, entthronte er doch 1487 den Emir Muley Hacén, und versprach den katholischen Königen, das Königreich ihnen zu überlassen, würden sie ihm bei der Vernichtung seiner Widersacher beistehen. Die Machtübernahme lief auch deshalb keineswegs, wie im Film dargestellt, kriegerisch ab. Als um drei Uhr nachmittags Boabdil dem neuen Vizekönig Inigo Lopéz de Mendoza, dem Grafen von Tedilla, das Amt, den Ring und den Schlüssel zur Stadt Granada übergab, soll er gesagt haben: „Tragt Ihr ihn nun und möge Euch Gott mehr Glück schenken als mir.“(Zitiert nach GEO Epoche, Nr.31, S.48).

Danach, so berichtet die Legende, soll er auf die Gipfel der Sierra Nevada geritten sein, sich zu seiner Stadt umblickend mit Tränen in den Augen. Ein berühmtes spanisches Zitat seiner Mutter: „Llora como mujer lo que no has podido defender como hombre“ (Weine wie eine Frau um das, was du nicht wie ein Mann verteidigen konntest).

Der Ort ist heute als „El Puerto del Suspiro del Moro“ bekannt („Die Passage des letzten Seufzers des Mauren“). Der Emir verweilte noch einige Jahre in Spanien, bis es ihn nach Marokko zog. Im Film wird er als Mann dargestellt, der sich der katholischen Übermacht geschlagen geben muss, da sein Sohn von ihnen entführt wurde und er ihnen den fiktionalen Eden Apfel im Austausch übergeben muss, um seinen Sohn zu retten. Vollkommen abstrus also.

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„Les Adieux du roi Boabdil à Grenade“ Alfred Dehodencq (1822-1882)

Copyright Filmausschnittbilder: (Images by courtesy of 20th Century Fox), Gemäldeabbildungen & Flaggen: allgemeinfrei.

Weiterführende Links:

Offizielle Website des Films
Dokumentation über Granada und die Alhambra
Die Reconquista als Zeitleiste
New York Times über Henry Kamen’s Sicht auf die Inquisition

 

Autor: Iris Traumann

Historikerin M.A., Gamer (seit den 90ern) und Bloggerin.

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